Schwarzes Brett

Geschichten vom Büchslsammeln – Ein Aufruf

Liebe Sammlerfreunde,

dieser kleine Artikel soll, so wäre es jedenfalls meine Idealvorstellung, der Beginn einer Rubrik unserer Vereins-Website sein, in der einzelne Mitglieder in lockerer Abfolge und auch ohne Formzwang vom Entstehen und Werden ihrer Sammlungen berichten. Den besonderen Reiz wird es hierbei ausmachen, die ganz persönliche Sichtweise über das Sammeln von Tabakgläsern zu erfahren und diesen wesentlichen Antrieb eines Sammlers auch für andere Sammler zu dokumentieren.
Wer sammelt, macht selbst Geschichte! Der Sammler bewahrt einzigartige Gegenstände und die dahinter stehenden Entstehungsgeschichten vor dem Vergessenwerden und damit dem Verlust für die Nachwelt. Dies zu vermeiden, ist ein auch wichtiger Ansatz unserer Vereinstätigkeit und jeder einzelne von uns Sammlern kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Dann müssen nachfolgende Generationen keine so aufwendige Herkunftsforschung anstellen, wie sie heute leider vor allem deshalb erforderlich wird, weil unsere Altvorderen natürlich noch keinerlei Aufzeichnungen über ihre Sammlungen gemacht haben, erst recht nicht über einzelne Stücke, die ja damals reine Gebrauchsgegenstände  waren.
Das mag jetzt dem einen oder anderen von Ihnen zu pathetisch vorkommen, wer mich kennt, weiß aber, dass ich hierzu nicht neige, sondern lieber das Wort „Begeisterung“ gelten lassen möchte. Wenn man also die Grundidee ins richtige Leben zurückholt, heißt sie nichts anderes, als dass jedes einzelne unserer Gläser eine oft vielfältige Geschichte hat, die wir bereits mit erworben haben oder die es in unserem Besitz immer noch erlebt. Die Geschichte der Entstehung zum Beispiel, noch dazu wenn es einem Sammler gelungen ist, dem Glasmacher bei jedem einzelnen seiner Produktionsschritte zuzuschauen, also die „Geburt“ seines Büchsls mitzuerleben. Oder: Eine besondere Anekdote beim Kauf des guten Stücks, die dann für alle Zeiten untrennbar mit diesem einen Glas verbunden ist.
Ich bin mir sicher, dass jedem von Ihnen bei ein bisschen Rückbesinnung auf das Sammlerleben zahlreiche solcher Geschichten einfallen. So wird die Sammlung selbst zur Persönlichkeit – unverwechselbar und voller Leben!

Deshalb mein Aufruf: Bringt sie zu Papier!

Lesen Sie nun also die Geschichte von meinem Lieblingsbüchsl.
An einem wunderschön herbstlichen Tag des Jahres 1993 mit seinem üppigen Sonnenlicht entdeckte ich  – ziemlich genau zwischen Schott und der Glasfachschule in einem alten Haus beheimatet – das Glasgeschäft des Ehepaares Wagner. Der Glasgravurmeister Rudolf Wagner, damals schon hoch betagt, aber ein äußerst liebenswerter  und hellwacher Geist, wusste so viel zu erzählen, zumal er wohl auch bei mir schnell merkte, dass das Interesse an den Glasln über den Tag hinausgehend tiefer gehender Natur war. Was für ein eindrucksvoller Mensch, der bescheiden, aber doch voller berechtigtem Stolz auf eine 70jährige Berufsgeschichte zurückblickte. Was für eine Lebensleistung, die noch dazu überall in diesem alt-ehrwürdigen Haus greifbar zu sein schien!

Die Vitrine mit den Schnupftabakgläsern fiel mir beim ersten Betreten des Ladens natürlich sofort auf und ich war  Feuer und Flamme. Neben einigen anderen Verlockungen stand da dieses herrlich rot-leuchtende, transparente Glas im schönsten Sonnenlicht und Herr Wagner (wiewohl Graveur und Schleifer) klärte mich sogleich auf, was ein Hohlgschnürltes ist und wie es gemacht wird. Mein Gott, was soviel Schönheit wohl kosten wird, fragte ich mich, zumal mein Budget damals doch noch etwas knapp bemessen war. Nun, ich überlebte die Nennung des Preises und kaufte auch gleich noch ein zweites Hohlgschnürltes – ein transparentes Kristallglas aus der Hand von Richard Seidl und eben jenes mit der roten Innenblase von Max Kreuzer (was ich allerdings erst Jahre später in Erfahrung brachte, da die Waldler bei Herkunftsangaben leider nicht sehr kommunikativ sind!). Nach diesem Glückserlebnis besuchte ich Rudolf Wagner sehr regelmäßig und konnte dabei auch noch einige Meisterwerke aus seiner eigenen Hand erwerben. Die Nachricht von seinem Tode hat mich damals sehr berührt, weil es sich wirklich um einen außergewöhnlich liebenswerten Menschen handelte, dem zu begegnen ich als große Bereicherung empfand.

Aber die Geschichte des Glases Nr. 27 ist noch nicht vollständig erzählt: Ich kaufte es damals als Rohling, gerade mal standfähig gemacht und so stand  es auch mehrere Jahre in meiner Sammlung, bevor mir endlich auffiel, dass eigentlich genug Substanz über den Hohlschnürln ist, um einen Formschliff mit zwei Spiegeln vorzunehmen. Und schon wieder kommt eine herausragende Persönlichkeit der Zwieseler „Büchslszene“ ins Spiel: Diesen Schliff, in seiner Akuratesse und Brillianz unverkennbar, brachte der leider ebenfalls schon verstorbene Schleifermeister Franz Kufner an.
Ich habe mittlerweile sicher schönere und, rein materiell betrachtet, auch wertvollere Büchsl, aber dieses eine wird (mit seiner soeben erzählten Geschichte) immer einer meiner Lieblinge bleiben, da es mich wie kein anderes Glas an die spannende Anfangszeit meiner Sammeltätigkeit erinnert.

In diesem Sinne
Ihr Holger Freese

p.s.
Wer eine interessante Geschichte beisteuern möchte, aber über Details der Gestaltung unsicher ist, kann sich an mich wenden (z.B. für die Herstellung von Fotos). Ich bin gerne behilflich. Tel.: 08631/12526 oder Mail: freese.h@web.de